Toni

Toni

“Hallo,

sind sie der neue Eigentümer des Hauses? Ach, nur auf Besichtigung. Ich bin die Nachbarin, schönen guten Tag.

Ja, das Haus steht jetzt schon so lange leer, man hofft ja doch auf freundliche Nachbarn…

Die Vorbesitzer? Nette Leute. Haben hier ja nicht sehr lange gewohnt. Haben aber alles neu machen lassen; Bad, Küche, Heizung; alles neu. War ja alles völlig heruntergekommen, wissen sie, die da vorher gewohnt haben, alles haben die verkommen lassen, eine Schande.
Dabei waren das früher sehr nette Leute gewesen, die sind ja mit uns in die neue Siedlung eingezogen, fast 40 Jahre ist das her. So eine ordentliche Familie; naja, bis Toni verschwand.

Der Toni, das müssen sie wissen, war der kleine Sohn von denen; eigentlich hieß der Anton, aber alle haben ihn nur Toni genannt, wegen seiner schwarzen Haare sah der ja auch wie ein kleiner Italiener aus. Wäre sicher ein fescher junger Mann geworden, ach ja… Mit bestimmt über 100 Polizisten haben die das Feuchtgebiet abgesucht, hier, gleich hinterm Garten fing es an. Das können sie sich gar nicht vorstellen, dass da alles Sumpf war, nicht? Vor bestimmt 2 Jahrzehnten wurde das Wasser weggepumpt und ein Gewerbegebiet gebaut. Damals haben viele heimlich gehofft, dass Toni gefunden wird, dann hat man erst Gewissheit, aber nichts.

Der Vater hatte eine gute Stelle, hinten, in der Fabrik. Die hat er verloren, als er das Trinken anfing. Seine Frau ist irgendwann abgehauen, mit nem Gastarbeiter in dessen Heimat, so wird gemunkelt. Jedenfalls ist die auch nie wieder hier aufgetaucht, da hat aber kein Polizist Fragen gestellt, na ja.

So hat er sich um seine Arbeit, sein Frau und am Ende um sein Leben gesoffen.

Was ja nun seltsam ist, manchmal hört man Kinderlachen im Haus. Oder in der Nacht weint auch mal ein Kind. Unsereins stört das ja nicht, habe eigenhändig 4 Söhne und eine Tochter großgezogen, sind alle was geworden. Die Schultzes gegenüber haben das auch mal gehört und die Polizei gerufen, die ist dann auch gleich gekommen, weil die dachten, naja, es könnte ja der Toni sein, aber nichts. Manchmal liegt auch ein Ball oder ein Spielzeugauto im Garten; früher wusste man gleich, heute säuft der Kerl wieder besonders viel. Nun, seit das Haus leer steht, sammel ich die Autos immer ein und verkauf die im Internet, sind immer alt aber gut erhalten. Die Bälle muss wer anders einsammeln.

Ah, da kommt ja die Maklerin. Huhu! Hallo Frau Schlepenkamp-Schwartzenfels! Die arme Frau hat immer so tiefe Ringe unter den Augen, wenn hier Termin ist, sie sollte doch mal Urlaub machen, oder besser ne Kur, ist aber schwer geworden, eine Kur zu beantragen, was für Zeiten.

Mein Mann ruft, ich muss jetzt aber wirklich…

Ich würde mich freuen, wenn sie das Haus kaufen, mit ihnen kann man so toll reden – wenn sie wollen, teilen wir uns den Gewinn aus den Spielzeugautoverkäufen.

Tschüß!”

Von hier